Zwischen Sektglas und Seitensprung: Warum Weihnachtsfeiern so viele Beziehungen testen

Weihnachtsfeiern sind ein eigenes Biotop.

Tagsüber sind alle noch professionell, sachlich, kontrolliert. Dann kommt dieser Moment am frühen Abend, wenn die Lichter gedimmt werden, der DJ seine „Ich-spiele-das-jedes-Jahr“-Playlist startet und irgendjemand stolz verkündet, er habe „nur ganz wenig Bowle“ ins Glas gefüllt. Ab da verwandelt sich das Büro in eine Parallelwelt, in der sich Menschen verhalten, als hätten sie eine Sondergenehmigung für Leichtigkeit bekommen.

Stell dir eine typische Weihnachtsfeier vor.

Nicht die romantisch verklärte, sondern die echte. Die, bei der der DJ glaubt, „Last Christmas“ sei ein Auftrag von ganz oben und das Buffet schon müde aussieht, bevor überhaupt jemand zugreift. Die Art Feier, bei der Kollegen, die das ganze Jahr über stoisch ihren Kaffee trinken, plötzlich mit glitzernden Rentierohren in der Fotobox stehen und Fotos machen, als wären sie Teil einer Werbekampagne für gute Laune.

Da steht der Kollege, der sonst aussieht, als würde er nachts Excel-Tabellen sortieren, mit offenem Hemdknopf an der Bar und sagt locker: „Also heute gönnen wir uns doch mal, oder“ Und du denkst: Aha. Unter diesem Bürohemd wohnt ja doch ein Oberkörper. Man lernt nie aus.

Dahinter die Kollegin, die montags immer so wirkt, als hätte sie am Wochenende ihre Steuer gemacht, hat heute Haare, die ein eigenes Selbstbewusstsein haben. Sie wirft den Kopf in den Nacken, lacht lauter als sonst und sieht dabei aus wie die Version von sich, die sie selbst vielleicht zu selten ausführt.

Es riecht nach Parfum, nach Sekt und ein bisschen nach „Ich-kann-nicht-mehr-aber-ich-lächle-trotzdem“, während irgendwo dazwischen dieser Moment passiert:

Ein Blick, der zu lang hält. Eine Berührung, die fünf Sekunden nachklingt. Ein Satz wie: „Mit dir ist es irgendwie… leicht.“

Leicht. Das Wort, das gefährlicher ist als jedes „Wir müssen reden“.

Niemand sagt es laut und jeder kennt diese Millisekunde, in der man spürt: Oh. Das könnte Ärger geben. Nicht jetzt. Aber später. Zu Hause. Im Kopf. Im Herzen.

Selten ist es der Kuss auf der Weihnachtsfeier, der Beziehungen ins Wanken bringt.

Es ist der Gedanke vorher. Der Gedanke nachher. Das sehr deutliche Gefühl in der Mitte: Da ist etwas, das im Alltag fehlt und hier gerade einmal kurz aufgeleuchtet hat.

 

Warum das Jahresende so empfindlich macht

Es gibt einen stillen Moment im Dezember, den man nicht auf der Einladung zur Weihnachtsfeier findet: Der Moment, in dem Menschen müde werden. Nicht nur körperlich, sondern innerlich.

Das Jahr hängt wie ein schwerer Mantel an einem, gefühlt geht jeder zweite Blick rückwärts. Vorsätze werden an offen gebliebenen To Dos oder Sehnsüchten des vergangenen Jahres festgemacht. War das ein gutes Jahr, hat sich etwas verändert, bin ich glücklich in dem Leben, das ich da lebe?

Viele von uns tragen diese Fragen mit sich herum, ohne sie konkret zu formulieren. Sie sitzen im Nacken wie kleine stille Beobachter, die genau wissen, dass die Jahresgrenze näher rückt. Komischerweise bringt gerade diese Zeit eine Empfindlichkeit mit sich, die wir im März oder Juli so nicht kennen.

Auf der Weihnachtsfeier trifft diese Empfindlichkeit also auf drei Dinge, die zusammen ein explosives kleines Trio bilden.

  1. Alkohol.
    Der macht nicht mutig oder klüger, sondern ehrlich, so sagt der Volksmund.
    Ehrlichkeit ist in Beziehungen manchmal wie ein ungebetener Gast. Plötzlich spürt man, was man das ganze Jahr über weggeschoben hat.
  2. Nähe.

    Berufliche Nähe, die sonst unauffällig ist, kann im Dezember plötzlich wärmer wirken. Diese Gespräche zwischen Tür und Bar, in denen jemand wirklich zuhört, können gefährlich gut tun, wenn man zu Hause seit Monaten aneinander vorbeiredet.
  3. Sehnsucht.

    Die große, unkonkrete Sehnsucht nach Leichtigkeit, Anerkennung, Gesehenwerden. Nach einem Gefühl, das sagt: Da ist jemand, der mich versteht. Oder zumindest jemand, der mich sieht.

 

Es ist diese Mischung, die Weihnachtsfeiern nicht nur laut, sondern emotional durchlässig macht. Die Art von Durchlässigkeit, die man nur spürt, wenn man selbst gerade etwas vermisst.

Und genau deshalb sind diese Abende oft der Punkt, an dem Beziehungen ins Wanken kommen. Nicht weil dort plötzlich die große Liebe auf einen wartet, sondern weil dort etwas aufleuchtet, das im eigenen Alltag schon lange fehlt.

 

Kollegenflirts und die Suche nach Leichtigkeit

Es gibt Situationen, in denen ein Gespräch an der Bar mehr sagt als drei Monate Gespräche zu Hause. Nicht, weil der Kollege oder die Kollegin außergewöhnlich spannend wäre. Sondern weil man selbst plötzlich spürt, wie gut es tut, wenn jemand wirklich hinhört. Nicht nebenbei, nicht genervt, nicht zwischen zwei Alltagspflichten. Sondern mit Augen, die kurz innehalten.

Viele Flirts auf Weihnachtsfeiern beginnen nicht mit einem Blick, sondern mit einem Satz wie: „Ich weiß gar nicht, wie du das dieses Jahr alles geschafft hast.“ Zehn Wörter, die mehr Wärme haben als jede „zwei-Sätze-Konversation“ am eigenen Küchentisch seit Wochen.

Es ist erstaunlich, wie viel Wirkung Anerkennung hat, wenn man sie im Alltag selten bekommt. Wie ein Mensch, der sonst völlig unauffällig durchs Büro läuft, plötzlich interessant wirken kann, nur weil er sich für einen Moment aufrichtig zuwendet. Nicht als Kollege, sondern als Mensch.

Genau hier wird es heikel. Ein Flirt per se ist noch nicht gefährlich, allerdings lässt er etwas anklingen, das zu Hause schon lange fehlt.

Leichtigkeit. Wertschätzung. Lächeln.

Dieses Gefühl, dass man gesehen wird, ohne sich erklären zu müssen. Die meisten Affären beginnen nicht mit einem körperlichen Moment. Sie beginnen mit innerer Erleichterung. Mit einem Luftholen, das man unbewusst seit Monaten gebraucht hätte. Mit der stillen Erkenntnis: Hier ist jemand, der mir zuhört, ohne gleich eine Lösung vorzuschlagen.

Diese Art von Nähe, die sich so harmlos anfühlt, hat eine klare Botschaft: Da ist etwas in mir, das sich nach Verbindung sehnt. Nicht nach der Affäre. Nur nach dem, was sie transportiert, zum Beispiel Leichtigkeit. Nach der Version von mir, die ich früher mal war oder gerne wieder wäre.

Weihnachtsfeiern holen diese Version manchmal kurz an die Oberfläche. Genau das macht diese Abende und Affären so heikel. Sie blenden kurz auf, was fehlt, sind aber ungefähr so alltagsstabil wie ein Schokoweihnachtsmann im Sommer.

 

Affären beginnen selten im Bett, sondern im Kopf

Die meisten Menschen glauben, eine Affäre entstehe in einem plötzlichen Moment.

Ein Kuss. Eine Berührung. Ein Ausrutscher.

In Wirklichkeit beginnt sie viel früher. Oft Wochen vorher. Manchmal Monate.

Da gibt es diesen winzigen Gedanken, der sich leise an die Oberfläche schiebt. Fast unmerklich. Ein Gedanke wie: „Wann hat mich eigentlich zuletzt jemand so angesehen“ Oder: „Warum tut dieses Gespräch gerade so gut?“. Es sind genau diese Gedanken, die gefährlich werden, weil sie etwas zeigen, das man im eigenen Alltag längst nicht mehr spürt.

Affären beginnen im Kopf, lange bevor irgendetwas passiert. Manchmal mit kleinen Fantasien oder einem Lächeln, das man zu lange mit nach Hause nimmt. Mit einer inneren Bewegung, die sagt:

Ich will mich wieder lebendig fühlen.

Ich will wieder ich sein.

Ich will wieder ganz sein.

Gerade wenn die Liebe zum Partner da ist, sind das oft deutliche Hinweise darauf, dass sich etwas in der Beziehung verschoben hat. Weil Nähe zu selten geworden ist. Weil Berührung zur Ausnahme geworden ist. Weil Reden oft im Streit endet oder im Schweigen. Weil Nähe und Verbundenheit keine Selbstläufer sind.

Tja und dann öffnet eine andere Person plötzlich den Raum, den man selbst längst vermisst.

Im Coaching erlebe ich immer wieder, wie überrascht Menschen sind, wenn sie merken, dass ihre Affäre nichts mit dem anderen Menschen zu tun hat. Sondern mehr mit dem, was ihnen gefehlt hat. Sei es die Sehnsucht nach Leichtigkeit oder nach Anerkennung. Nach dem Gefühl, wieder gesehen zu werden.

Der Kollege oder die Kollegin ist oft nur der Spiegel. Das Echo quasi. Der Verstärker. Nicht das Problem.

Genau hier wird es spannend und die eigentlichen Fragen lauten:
Was hat sich in der Beziehung verschoben? Was ist verloren gegangen? Wovon hätte es mehr gebraucht und für wen? Warum hat niemand darüber gesprochen, bevor ein Außenmoment es sichtbar gemacht hat?

 

 

Was solche Abende über eine Beziehung sagen können

Weihnachtsfeiern sind keine Beziehungstests. Sie sind wenn dann eher wie kleine Taschenlampen, die in Ecken leuchten, die man das ganze Jahr über im Halbdunkel gelassen hat, weil das Leben eben manchmal schneller wird als die Liebe.

Wenn auf so einem Abend etwas knistert, sagt das selten etwas über den Kollegen aus. Dafür fast immer etwas über die Beziehung zu Hause. Ein flirtender Blick kann ein Hinweis sein. Ein schiefes Lachen. Ein Gespräch, das zu gut tut. Alles kleine Signale, die zeigen: Da gibt es etwas, das im Alltag zu kurz kommt.

Für manche ist es Nähe. Für andere Leichtigkeit. Für wieder andere ist es das Gefühl, endlich mal wieder einen Satz zu hören, der nicht zwischen Tür und Einkaufsliste untergeht.

Solche Abende zeigen etwas, das im Alltag manchmal übertüncht wird. Man sieht nämlich nicht nur den anderen, man sieht sich selbst. Die Seite, die gerne lacht. Die Seite, die leicht sein will.
Die Seite, die nicht funktionieren, sondern fühlen möchte.

Dann die Erkenntnis: Ich vermisse diese Version von mir, vielleicht mehr, als ich zugeben wollte. Das kann weh tun und es kann auch wertvoll sein.

Denn hinter jedem Flirt auf einer Weihnachtsfeier steckt eine Frage, die viel größer ist als der Abend selbst: Wie geht es unserer Beziehung wirklich? Nicht oberflächlich. Nicht funktional.
Im Inneren. In Ehrlichkeit. In Wahrheit.

Brennt da noch etwas? Oder brennt nur noch das Gefühl, dass etwas fehlt? Ist die Nähe verloren gegangen? Oder wurde sie einfach lange nicht gepflegt?

Solche Abende sind wie Spiegel. Sie zeigen, wie gut oder brüchig eine Beziehung gerade ist. Manchmal zeigen sie auch, wie viel Potenzial noch da ist, wenn man den Mut hat hinzusehen.

 

Carinas Coaching-Impuls

Der Moment an der Bar ist selten das eigentliche Problem. Es ist eher ein Symptom. Ein Hinweiszettel, den das Leben unauffällig unter die Tür schiebt, weil man ihn im Alltag zu oft ignoriert hat.

Wenn ein Gespräch auf einer Weihnachtsfeier näher geht als die letzten drei Gespräche zu Hause, dann ist das kein Zeichen dafür, dass man sich verlieben will. Sondern schlichtweg dafür, dass etwas fehlt. Etwas, das man nicht benennen wollte oder nicht konnte.

Diese Situationen tun zwei Dinge gleichzeitig. Sie irritieren und sie klären.

Irritation entsteht dort, wo eine innere Grenze kurz wackelt. Klarheit dort, wo man spürt: Das hier hat mich getroffen, weil es etwas berührt hat, das in mir zu kurz gekommen ist.

Mein Impuls für Paare lautet immer:

Bleibt neugierig aufeinander, nehmt die Forscherlupe in die Hand und fragt Fragen.

Welche Themen habt ihr lange verschoben?

Welche Bedürfnisse habt ihr leiser gedreht?

Wo habt ihr aufgehört zu fragen?

Wo habt ihr begonnen, zu funktionieren?

 

Manchmal braucht es nur ein einziges ehrliches Gespräch, um wieder Nähe zu finden. Ein Gespräch, das nicht anklagt, sondern erzählt. Ein Satz wie: „Ich habe gemerkt, dass mir etwas fehlt und ich will, dass wir darüber sprechen.“

Dieser Satz kann Türen öffnen. Zu euch. Miteinander. Nicht ins Außen.

Denn der Flirt an der Bar ist nicht wirklich die Bedrohung. Die wahre Bedrohung ist das Schweigen zwischen zwei Menschen, die einmal füreinander alles waren.

 

Fazit

Am Ende ist es ganz einfach. Die Weihnachtsfeier ist kein Ort, an dem Beziehungen kaputtgehen. Sie ist eher ein Abend, an dem man merkt, wo es im Alltag knirscht.

Ein bisschen Sekt, ein bisschen Sehnsucht, ein bisschen „Ach guck, so kann sich Nähe also auch anfühlen“. Zwischen Sektglas und Seitensprung liegt nämlich ein Raum, den viele Paare übersehen. Der Raum, in dem man merkt, was fehlt. Der Raum, in dem man entscheiden kann, ob man wieder zueinander findet.

Nicht dramatisch.Nicht schwer. Einfach ehrlich.

Denn das Gefährliche an Weihnachtsfeiern ist selten die Versuchung. Es ist die Erinnerung daran, dass man Nähe nicht auf später verschieben kann. Schon gar nicht auf Januar.

Ach übrigens, wenn man es auch mal ganz genau nimmt, sind Weihnachtsfeiern sogar ziemlich schlechte Orte für Affären. Zu laut, zu viele Zeugen, zu viel Pappware vom Buffet. In diesem Sinne, Prosit und komm gut nach Hause.

Falls du nun zu Hause feststellst, dass es höchste Zeit ist, wieder zueinander zu finden, dann lass uns reden. Keine Bowle, keine Rentierohren, nur ein ehrliches Gespräch und der Raum für das, was euch wichtig ist und euch verlässlich ins neue Jahr tragen darf.

Herzlichst
Carina Neuner

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