Es gibt Familienfeiern, die fühlen sich an wie ein großes Wiedersehen und solche, die eher wirken wie ein Sozialexperiment unter realen Bedingungen. Du betrittst den Raum und bemerkst in Millisekunden: Heute wirds mal wieder… interessant.
Noch bevor du deinen Arm aus dem Ärmel hast, kommt Tante Helga dir mit einer Geschwindigkeit entgegen, die man sonst nur von Sportarten mit Helmpflicht kennt. „Da bist du ja, mein Schätzchen!“ Sie umarmt dich wie ein Knautschball zum Stressabbau und schaukelt dich leicht hin und her, während du kurz die Luft anhältst und denkst: Wenn Liebe Kraft hätte, Helga hätte Übergewicht.
Kaum hast du deinen Kreislauf wiedergefunden, steht Onkel Rolf plötzlich neben dir wie ein ungebetener Charakter in einem Computerspiel. Er hält ein Bier in der Hand und schaut dich mit diesem Gesichtsausdruck an, der sagt: „Ich bin bereit für meinen ersten unnötigen Kommentar des Abends.“
„Na“, sagt er und blinzelt über den Brillenrand, „immer noch so beschäftigt? Kein Kind in Sicht?“ Du lächelst höflich, diese Art Lächeln, die in Wahrheit sagt: Ich bin nur zum Essen hier, Rolf. Nicht für ein Statusupdate meines Uterus.
Auf dem Sofa winkt Oma dich zu sich, mit dieser Mischung aus mütterlicher Liebe und einer gewissen Entschlossenheit, die dich kurz an das Tierreich erinnert. Du setzt dich. Sie rückt näher. Viel näher. „Kind, du machst mir Sorgen. Du arbeitest zu viel.“ Sie sagt es so rührend, dass du kurz vergisst, dass sie dich seit fünf Jahren nicht mehr nach deinem Job gefragt hat.
Dann, als die familiäre Stimmung langsam auf Betriebstemperatur kommt, ertönt aus der Küche die Stimme deiner Mutter, melodisch und eindeutig: „Kind, du siehst müde aus. Hast du wenigstens heute mal genug gegessen?“ Du hast zwei Stück Kuchen und 3 Plätzchen hinter dir. Du bist einfach nur… du.
Zwischen all diesen Szenen riecht es nach Kerzenwachs, Braten, einer Spur Drama und diesem besonderen Familienduft, der gleichzeitig sagt: Liebe. Chaos. Historie. Halt? Und Hilfe.
Während du mit deinem Glas am Esstisch sitzt, merkst du: Das ist sie wieder. Diese Mischung aus Nähe, Fürsorge, Erwartung, Kommentaren und einem gewissen „Zurück-ins-Kindsein“-Gefühl. Ein Cocktail, der schneller wirkt als jeder Glühwein.
Doch heute bist du nicht hier, um dich einzurollen oder zu funktionieren. Heute bist du hier, um etwas anderes zu üben: Charmante Grenzen setzen. Mit Humor. Mit Herz.
Mit der Haltung: Ich bleibe ich, egal wie viele Familienrollen heute Abend verteilt werden.
Warum Familien uns so schnell triggern, ganz ohne Schuldzuweisung
Es gibt einen Satz, der auf Familienfeiern fast immer zutrifft: Du kommst als erwachsene Person hinein und fünf Minuten später bist du wieder zwölf.
Nicht, weil du dich so fühlst. Sondern weil Familien eine erstaunliche Superkraft haben: Sie aktivieren alte Rollen in Lichtgeschwindigkeit. Da reicht ein einziger Satz wie „Kind, iss noch was“ oder „So hast du schon als Teenager geguckt“ und zack dein inneres System fährt ein Programm ab, das du seit Jahren nicht mehr nutzt.
Das Verrückte ist: Es passiert nicht, weil deine Familie dich bewusst klein halten will. Es passiert, weil Nähe in Familien oft mit altem Verhalten verwechselt wird. Nach dem Motto: „Wenn du früher so warst, dann bist du es heute bestimmt immer noch.“
Dass du inzwischen längst gelernt hast Grenzen zu setzen, deine Bedürfnisse zu kennen, Nein zu sagen oder dich auszuklinken, passt in diese alte Familiensoftware nicht so richtig rein.
Familien sind wie diese alten Smartphones aus den 2000ern: liebevoll, vertraut, aber Updates werden nur zögerlich installiert.
Deshalb rutschen Menschen an Familienfesten oft in Muster wie:
- brav sein
- nichts sagen
- nicht auffallen
- den Frieden wahren
- auf die Stimmung achten
- alles runterschlucken
- später im Auto platzen
- oder im Bad kurz durchatmen, als wären sie in einem Escape Room
Es ist wichtig zu wissen: Du bist nicht „komisch“, wenn dich deine Familie triggert. Du bist normal. Das System „Familie“ ist einfach sehr gut darin, dich in alte Rollen hineinzuziehen. Man könnte fast sagen: Verwandtschaft hat eine Art emotionalen Kurzschluss-Schalter.
Doch hier kommt der entscheidende Punkt, der dich wieder in deine Kraft bringt:
Du musst das alte Familienprogramm nicht mehr mitspielen. Du kannst heute eine andere Version von dir hineinbringen und du darfst das ohne Schuldgefühl.
Familie sucht man sich nicht aus. Die Haltung hingegen, in der man ihr begegnet, schon.
Genau darum geht es im nächsten Schritt: Wie du diesen Abend souverän, klar und mit einem kleinen inneren Funkeln meisterst, ganz ohne Drama oder verletzte Gefühle.
Charmante Grenzen: Freundlich bleiben, ohne sich selbst zu verlieren
Grenzen setzen auf Familienfeiern ist eine Kunstform. Nicht die schwere, dramatische Sorte –sondern eher wie ein kleiner Tanzschritt: ein freundliches Lächeln, ein leichtes Ausweichen, ein Satz, der sitzt, ohne zu stechen.
Viele Menschen glauben, Grenzen wären immer hart oder schroff. Doch das stimmt nicht. Grenzen können auch warm sein. Sie können lächeln. Sie können wirken wie eine freundliche Hand auf der eigenen Schulter.
Hier sind ein paar Carina-erprobte Mini-Sätze, die du jederzeit einsetzen kannst – freundlich, klar, souverän.
- Für körperliche Nähe, die dir zu viel ist
Oma drückt dich so fest, dass dir kurz die Luft wegbleibt? Tante Helga hängt zu lange an dir?
Sag warm und ruhig:
„Ich freu mich, dich zu sehen. lass uns kurz ein bisschen Abstand halten, sonst verliere ich die Balance.“ oder „Ich mag dich und gleichzeitig brauche ich hier kurz meinen Raum.“ Charmant. Nicht abwertend und deine Grenze ist gesetzt.
- Für neugierige oder übergriffige Fragen
Onkel Rolf: „Na, immer noch kein Kind in Sicht?“ Deine Mutter: „Warum arbeitest du so viel?“ Die Cousine: „Und, läufts in der Beziehung?“ Antworten, die sitzen, ohne zu verletzen:
„Oh, spannende Frage, heute feiern wir einfach. Lass uns über Leckeres reden.“
oder: „Das erzähl ich dir gerne ein andermal, heute bin ich im Feiermodus.“
Du beantwortest nichts und bleibst trotzdem liebevoll.
- Für subtile Kritik
„Du siehst müde aus.“ „Steht dir das Haar so wirklich besser“ „Bist du sicher, dass du genug isst?“ Sag freundlich:
„Danke dir. Ich fühl mich heute tatsächlich ganz wohl.“ oder: „Interessant, ich mag es so.“
Kurz. Ruhig. Nicht verteidigend. Eine wunderbare Grenze.
- Für Zeit für dich
Manchmal brauchst du einfach eine kleine Pause. Nicht fluchtartig, nur bewusst.
Charmante Abzweigungen: „Ich hole mir kurz frische Luft, dann bin ich wieder da.“
„Ich schnappe mir kurz ein Glas Wasser und komme gleich zurück.“
„Ich setze mich mal einen Moment zu mir, ich bin gleich wieder da.“
Niemand fühlt sich abgelehnt. Du bleibst bei dir.
- Für Situationen, in denen du spürst: Stopp.
Es gibt Momente, da ist alles zu viel. Da brauchst du etwas Klareres:
„Ich mag dich wirklich und hier brauche ich gerade etwas Abstand. Alles gut, ich möchte nur kurz atmen.“ oder: „Danke, dass du fragst und das Thema behalte ich heute bei mir.“
Warm, sachlich, selbstbewusst.
Das Wunderbare: Diese Art Grenzen sind wie kleine Botschaften an dein Nervensystem:
Ich bin sicher. Ich darf mich schützen. Ich darf freundlich und klar sein – gleichzeitig.
Du musst dich nicht anpassen, um den Abend zu überstehen. Du darfst ihn gestalten.
Selbstfürsorge am Tisch – stille Strategien, die sofort wirken
Manchmal sind es nicht die großen Gesten, die einen Abend retten, sondern die kleinen, unauffälligen Dinge, die dein Nervensystem wieder auf „Ich bin sicher“ schalten.
Hier kommen stille Strategien, die niemand sieht, jedoch alles verändern.
- Wähle deinen Sitzplatz nicht aus Höflichkeit, sondern aus Klarheit
Setz dich nicht an den Platz, bei dem alle an dir vorbeimüssen, damit sie dich begrüßen können wie eine Station im Freizeitpark.
Besser ist: Randplatz mit Rückenfreiheit. Du kannst raus, wann du willst. Du musst nicht alles mitbekommen. Du bist näher am Wasser oder Fenster, perfekte Fluchtroute, falls nötig.
Das ist nicht Egoismus. Das ist kluge Selbstfürsorge.
- Lege dir kleine Atemfenster ein
Atem ist der eleganteste Grenzzaun, den es gibt. Zwei ruhige Atemzüge, während jemand über dein Liebesleben philosophiert und dein Körper merkt: Ich bin im Jetzt, nicht in der Vergangenheit. Mini-Mantra im Kopf: Einatmen: Ich bin hier. Ausatmen: Und ich bin okay.
Niemand siehts. Alle profitieren.
- Mach es dir innerlich bequem
Manchmal sitzt du mitten im Familien-Chaos und merkst: Ihr seid alle herzzerreißend süß und ihr seid auch tatsächlich viel(e).
Dann hilft ein kleiner Trick: Lehn dich innerlich zurück.
Das ist wie ein mentaler Stuhl, der ein Stück weiter hinten steht. Du nimmst teil ohne ausgeliefert zu sein. Du hörst zu, bist jedoch nicht „drin“. Das ist stille Souveränität.
- Verbündete suchen, mindestens einen
Es gibt auf jeder Familienfeier eine Person, mit der man wortlos einen Blick teilen kann, der sagt: „Das war jetzt wieder typisch Rolf.“
Such dir diese Person. Setz dich in ihre Nähe. Leg dir kleine gemeinsame Fluchtinseln zurecht: Wasser holen. Dessert holen. Frische Luft holen. Gemeinsam geht es leichter.
- Fokussiere dich auf das, was jetzt schön ist
Ja, es gibt Fragen, Kommentare, Umarmungen, die nicht so sein müssten. Allerdings gibt es auch, bestenfalls:
- gutes Essen
- kurze ehrliche Gespräche
- kleine warme Momente
- Geschichten, die dich zum Lachen bringen
- Erinnerungen, die dich berühren
Manchmal reicht es, den Fokus dezent zu verschieben:
von „Was nervt?“ zu „Was tut gerade gut?“
Nicht ignorieren. Nicht schönreden. Einfach die Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo du Kraft spürst.
- Erlaub dir Mini-Pausen. Völlig legitim.
Eine kleine Runde ums Haus. Zwei Minuten im Bad. Ein kurzes Rausgehen zur Luft. Das Handy checken (ehrlich gesagt: ja, es hilft).
Das sind Mikromomente von Freiheit. Sie geben dir Raum, bevor etwas kippt. Du darfst Pausen machen, auch an Weihnachten.
Selbstfürsorge ist nicht Rückzug.
Es ist Präsenz, die du nach innen richtest.
Damit du überhaupt präsent nach außen sein kannst.
Wenn es doch zu viel wird: 5 liebevolle Notfalltricks
Auch mit den besten Vorsätzen, den schönsten Grenzen und der souveränsten Haltung gibt es Momente, in denen Familie… nun ja… Familie ist und du merkst: Okay, jetzt reicht es, Zeit für einen kleinen Reset.
Hier kommen fünf klare, sanfte Notfalltricks, die du jederzeit einsetzen kannst, ohne Drama, ohne Erklärungspflicht, ohne Schuld.
- Der „Ich hol mal eben…“-Move
Der Klassiker unter den sanften Fluchten.
Sag einfach:
„Ich hol mir kurz was zu trinken, bin gleich zurück.“
Oder:
„Ich check einmal kurz das mit dem Dessert.“
Niemand fragt nach. Niemand fühlt sich abgewiesen. Du hast 90 Sekunden echte Freiheit. Oft reicht genau das, um wieder bei dir anzukommen.
- Der Wechsel-der-Perspektive-Trick
Wenn jemand etwas sagt, das dich irritiert, anstatt dich zu erklären, zu rechtfertigen oder innerlich zu explodieren, nimm einen Mini-Schritt nach innen:
„Aha. Interessant.“
Das ist wie ein emotionaler Regenschirm. Es prasselt runter und du wirst nicht nass. Niemand kommt in Streit, weil du nichts kommentierst.
- Der sanfte Gesprächswechsel
Es gibt Themen, auf die du einfach keine Lust hast. Beziehungsstatus. Job. Kinder. Körper.
Drei magische Sätze:
„Und sag mal, wie geht’s eigentlich deinem Garten/Projekt/Hund?“
„Oh spannend, wie ist das denn bei dir?“
„Erzähl mal, was war dein Highlight dieses Jahr?“
Menschen lieben es, von sich zu erzählen und du bist eleganter raus als Houdini.
- Die Mikro-Lockerung des Körpers
Wenn du merkst, dass du verspannst, stell ganz unauffällig deine Füße bewusst auf den Boden und entspanne deine Schultern. Diese zwei Sekunden verändern dein Nervensystem und geben dir inneren Halt. Satz im Kopf, der wirkt wie ein Mini-Anker:
„Ich bin hier und ich bin sicher.“
- Der liebevolle Exit
Wenn wirklich alles zu viel wird, wenn Energie schrumpft, der Reizpegel steigt und du in Alarmzonen kommst, sag freundlich:
„Ich brauch mal kurz einen Moment frische Luft, ich bin gleich wieder da.“
oder:
„Ich geh kurz an die Luft, das tut mir immer gut.“
Du musst nichts begründen. Du musst dich nicht entschuldigen. Die Pause rettet oft den restlichen Abend.
Familienfeiern sind intensive Räume. Viel Liebe, viel Geschichte, viel Nähe und manchmal eben auch viel von allem. Notfalltricks sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind Souveränität. Sie zeigen, dass du dir selbst treu bleibst, während du mitten in einem System sitzt, das dich manchmal wieder zwölf fühlen lässt.
Carinas Coaching-Impuls: Wie du du bleibst, egal wie laut oder liebevoll die Familie ist
Familienfeiern sind selten neutral. Sie sind voll. Voll mit Gefühlen, voller Historie, voller alter Muster, voller Liebe, voller Chaos. Genau deshalb passiert es so leicht, dass man sich selbst unterwegs verliert.
Du rutschst zurück in Rollen, die du heute längst abgelegt hast. Du reagierst anders, als du möchtest. Du sagst Ja, obwohl du Nein meinst. Du erklärst dich, obwohl du gar nichts erklären willst.
Doch hier kommt der wichtigste Impuls:
Du darfst erwachsen bleiben. Auch wenn andere dich behandeln, als wärst du es nicht.
Erwachsen bleiben heißt:
- deine Bedürfnisse wahrnehmen
- deinen Körper spüren
- freundlich Grenzen setzen
- nicht alles kommentieren
- nicht alles schlucken
- und deine Energie ernst nehmen
Nicht um andere abzuwehren, sondern um dich selbst zu halten. Es ist völlig in Ordnung, wenn du während der Feier innerlich denkst: „Okay, das ist jetzt ein bisschen viel.“ oder „Ich brauche einen Moment für mich.“
Selbstfürsorge ist kein Rückzug. Es ist die Erlaubnis, in deiner Mitte zu bleiben.
Weißt du, was das Schöne ist? Du musst dafür nicht laut sein, nicht hart, nicht „therapeutisch korrekt“, keinesfalls perfekt. Du darfst einfach du sein. Mit weichen Kanten, klarer Stimme und genug innerem Platz für dich selbst. Denn Grenzen müssen nicht laut sein. Lass sie einfach liebevoll und ehrlich sein.
Wenn du mit dieser Haltung durch eine Familienfeier gehst, passiert etwas Magisches:
Du beginnst, weniger zu reagieren und mehr zu gestalten.
Nicht die Familie bestimmt den Abend, sondern deine Haltung darin.
Fazit – leicht, warm, mit einem Lächeln
Am Ende ist eine Familienfeier selten das Problem. Es ist eher das, was sie in uns berührt: alte Rollen, alte Erwartungen, alte Reflexe und das Gefühl, gleichzeitig geliebt und überfordert zu sein. Manchmal fühlt es sich an, als würde man in ein altes Kostüm schlüpfen, das nicht mehr passt. Man erkennt sich selbst kaum wieder und denkt zwischendurch: „Nett hier, aber ich hätte mich gern in modernerer Version.“ Genau da liegt die Chance, im bewussten Dableiben. Mit Humor, mit Herz und mit einem klaren inneren Kompass.
Familienfeste müssen keine Mutproben sein. Sie können Räume werden, in denen man übt: Freundlich bleiben, ohne sich zu verbiegen. Nähe zulassen, ohne sich aufzugeben und Grenzen setzen, ohne die Liebe zu verlieren.
Das ist nicht laut. Es ist nicht dramatisch. Es ist einfach erwachsene Souveränität und manchmal überraschend befreiend.Falls du zwischendurch trotzdem denkst: „Ich mache das hier echt gut“ dann hast du vollkommen recht.
Wenn du merkst, dass Familienfeste dich regelmäßig aus deiner Mitte bringen oder du lernen möchtest, Grenzen liebevoll zu setzen, ohne Drama, dann lass uns sprechen.
Ich begleite dich gern dabei, deine innere Haltung zu stärken und deinen Platz in diesen ganz besonderen Systemen zu finden, mit Ruhe, Humor und Klarheit.
Herzlichst
Carina Neuner











































